Red Square, Festival für Aktivismus und kritische Kunst aus Osteuropa, 28. August – 15. Oktober 2020: Wir ziehen Bilanz

FORMATE

2020 verwandelte sich Red Square zu einer experimentellen Plattform, bei der wir Entfernungen virtuell überwinden und uns mit Begegnungen im Kammerformat und Mini-Events in der Kulturfabrik Moabit bei Laune halten mussten. Das ursprünglich für Mai 2020 geplante zweitägige Festival wurde zu einer Serie verschiedener Events in unterschiedlichen Formaten: Von März bis Oktober eröffneten wir drei Ausstellungen, machten Online-Kinovorführungen und veranstalteten Diskussionen, Masterclasses und Performances, die wir über Zoom und soziale Netzwerke übertrugen. Wir glauben an das Festival und seine Bedeutung nicht nur als unabhängige Plattform für Berliner*innen, Osteuropaexpert*innen und Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, sondern auch als Dialog-, Austausch-und Begegnungsplattform und Entstehungsort neuer Partnerschaften in Sachen kritische Kunst und zivilgesellschaftlicher Aktivismus in Deutschland, Russland und Osteuropa. Wir glauben an Solidarität ohne Grenzen und danken Euch für die Unterstützung!
Im März streamten wir die ukrainische Mockumentary 2020 „Besljudna krajina“ („Menschenleeres Land“) und diskutierten mit dem Regisseur Kornej Grizjuk in Zusammenarbeit mit Ukrainischer Kinoklub in Berlin. Im April zeigten wir das Dokumental-Roadmovie bye bye baby und führten eine Online-Diskussion mit der Regisseurin des Films Julia Boxler, der Soziologin Marit Cremer und dem Mitarbeiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Edwin Warkentin. Am 2. Mai trafen wir uns in einer virtuellen Küche zur Online-Premiere des Films von Elena Stein (CISR e.V.) „Dawaj tak!“ über die Kraft und den Stil des städtischen Aktivismus mit Barbara Anna Bernsmeier (ZK/U, Berlin) und Nadya Snigireva (Projektnaja gruppa 8, Kasan).
28/08
FEMINISTISCHE SOLIDARITÄT MIT YULIA TSVETKOVA
Im Rahmen des Red-Square-Festivals fand eine Solidaritätsausstellung für Yulia Tsvetkova statt. Die 27-jährige feministische Aktivistin und Künstlerin aus Komsomolsk am Amur wird der Verbreitung von Pornographie beschuldigt — und zwar für abstrakte Zeichnungen von Vulven, die sie im Internet veröffentlichte, um „die weibliche Physiologie zu enttabuisieren“. Gemäß dem „Pornographie-Paragraphen“ des russischen Strafgesetzbuchs drohen ihr bis zu sechs Jahre Haft.
Wir haben 720 Euro gesammelt und sie an Yulia gespendet, um für die Arbeit ihrer Anwältinnen und die Zahlung des gegen sie verhängten Busgeldes aufzukommen. Eröffnet wurde die Ausstellung mit DJ-Sets und Poesie-Performances; zum Abschluss zeigten wir den Film „Dylda“. Die Ausstellung im Rahmen des Projektes bridging feminisms ist eine kollektive Arbeit von Aktivist*innen der Initiative "Berliner Schwesternschaft". Ab Dezember wird die Ausstellung auch online auf der Website Feminist Translocalities verfügbar sein.
17/09
Eröffnung der Ausstellung
“2012: die gescheiterte Revolution“
Am 17. September eröffneten wir die Multimedia-Installation „2012: die gescheiterte Revolution“, in der Künstler und Regisseur Evgeny Mitta die Protestbewegung in Russland dokumentiert. Die Installation umfasst einen vierzigminütigen Film über die Ereignisse des Jahres 2012, Interviews mit deren Teilnehmer*innen, aufblasbare Polizisten-Skulpturen und eine Reihe grafischer Darstellungen der Ereignisse.
Was trieb die Menschen dazu, 2011 und 2012 auf die Straße zu gehen? Was zeichnet die Proteste der letzten Jahre aus? Welche Themen sind für die russische Zivilgesellschaft im Moment besonders aktuell?
Mit diesen Fragen befassten sich die Teilnehmer*innen der Diskussion „Gescheiterte Revolution? Die bürgerschaftliche Bewegung in Russland 2011-2013 und heute" im Rahmen der Ausstellungseröffnung:
Maria Alyokhina, Pussy Riot (via Zoom)
Natalia Shavshukova, „Schule der Kommunalabgeordneten“ (Warschau / Moskau)
Mischa Gabowitsch, Einstein Forum Potsdam
Moderation: Sergej Medwedew
25/09
AUSSTELLUNG VON PROTESTKUNST AUS BELARUS
Sergey Shabokhin (Posnan/Minsk), Autor und Kurator der Ausstellung, präsentierte Werke von 12 belarussischen Künstlerinnen und Künstlern. Die Ausstellung erfolgte auf Initiative von Dekabristen e.V mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO), der Deutsch-belarussischen Gesellschaft (DBG) und des belarussischen Sozial- und Kulturvereins RAZAM e.V.
Während der Eröffnung am 25. September fand die Diskussion "Kunst und Protest. Wiedergeburt der belarussischen Kunstszene?" statt. Es diskutierten Musikproduzentin Galya Chikiss (Berlin/Wizebsk), Künstler Raman Tratsiuk (Warschau/Minsk) und Künstlerin Angelina Mass (Berlin/Minsk).

Am 5. Oktober empfing die Ausstellung eine prominente Besucherin: Swetlana Tichanowskaja traf sich mit in Berlin lebenden belarussischen Aktivist*innen und Künstler*innen.
Fotogallerie
2/10-3/10
Red Square Festival 2020
Den Hauptthemen von Red Square 2020 – Protest, Revolution und Migration – widmeten sich am 2. und 3. Oktober viele Diskussionen, Ausstellungen, Filme, Liveauftritte und Projektvorstellungen. Zum reichhaltigen Festivalprogramm gehörte auch die Masterclass „Mapping Russkij Berlin“, die sich mit der Kartographie von Schlüsselorten und der Suche nach neuen Anziehungs- und Diskussionsorten im Hinblick auf Identitäten der russischsprachigen Berliner*innen befasste, sowie die Performance von Sascha Portyannikova zum Thema persönliches und historisches Gedächtnis.
Im Laufe der Diskussionen mit Live-Onlineschaltungen diskutierten Gäste und Expert*innen über Hasskriminalität gegen LGBT+ in Russland und den Einfluss der neuen Medien auf die Transformation der politischen und gesellschaftlichen Prozesse in Osteuropa. Die Diskutant*innen erzählten von ihren Erfahrungen in den 1990er Jahren, gaben einen zivilgesellschaftlichen Überblick über die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele in Russland sowie der ACT|UP-Projekte zur Aktivierung der Mikrorayons und der Plattenbauten in Osteuropa und des Projektes Design Lab Moabit über die Kreierung einer Bezirksidentität für Moabit, den Bezirk, in dem das Festival das dritte Jahr in Folge stattfindet.
Im Rahmen unseres Kinoprogramms zeigten wir Filme über den Protest in der Kunst: Evgeny Mittas Dokumentarfilm “Act & Punishment” über die Geschichte von Pussy Riot" und den Film “Reine Kunst” über den belarussischen Straßenkünstler Sachar Kudin (Regie: Maxim Schwed). Aktivismus und Protest standen auch im Fokus der Filme “Kolonie” über das Protestcamp in der Siedlung Schiyes im Gebiet Archangelsk (Regie: Victoria Kravtsova) , "Leninplatz. Elista" über die Geschichte des Hauptplatzes der Hauptstadt von Kalmückien (Regie: Victoria Sarangova) und “Dawaj tak!” über den Stadtaktivismus in Belarus und Russland (Regie: Elena Stein). Das Highlight dieses Jahres war die Vorführung des Films “Ayka” über eine junge kirgisische Migrantin in Moskau (Regie: Sergey Dvortsevoy) mit anschließender Diskussion mit Vertreter*innen der Initiative Novastan Beril Ochakli und Florian Koppenrath, moderiert von Saltanat Shoshanova.
Dieses Jahr machten wir Festivalradio! Das Team von Projekt X3 — der erste Podcast über Russlanddeutsche und die postsowjetische Comunity in Deutschland — machten einen Podcast mit den Gästen des Festivals. Tsypylma Darieva (ZOiS), Alexey Tikhonov (osTraum), Svetlana Shaitanova (Quarteera) und Sergej Medwedew (Dekabristen e.V.) erzählten von ihren Projekten und von den Themen, die ihnen am Herzen liegen.
Fotos: @x3podcast
Der geräumige Innenhof der Kulturfabrik Moabit wurde zur Konzert-Location: Im Laufe der beiden Tage wurde die Festivalbühne von Mustelide, Chikiss, Veronika Kruglova/KRIWI, dj Tripkovski und dj Kris Gunciarz bespielt.
VIELEN DANK!
Das war eine unglaubliche Erfahrung. Ein großes Dankeschön an alle Partner*innen, Kolleg*innen, Freiwillige und Gäste, die uns dabei geholfen haben, Red Square 2020 auf die Beine zu stellen!
Vielen herzlichen Dank an:

Das gesamte Team der Kulturfabrik Moabit: Thomas,‌ ‌Sophia,‌ ‌Steven, Stephan, Django, Robin,‌ ‌Peter,‌ ‌Tina,‌ ‌Jonas,‌ ‌Mirko, Elli

Kolleg*innen, Partner*innen, Expert*innen, Kurator*innen und langjährigen Freund*innen des Festivals und von Dekabristen e.V.: Victoria Kravtsova, Victoria Ulrich, Magdalena Patalong, Timofej Evseev, Elena Stein, Tiko Gurgenidze, Nastja Pushkareva, Pascha Pakhomov, Igor Gripovski, Roman Ekimov, Andrej Steinke, Irina Bondas, Wladimir Woronin, Vyatscheslaw Obosinski, Barbara Bernsmeier, Mischa Gabowitsch, Maria Alykhina, Natalia Shavshukova, Sergey Shabokhin, Kira Shmyreva, Evgeny Mitta, Kerstin Mühlbach, Hans Salomon, Gudrun Wolf, Sascha Portyannikova, Tsypylma Darieva, Elexey Tikhonov, Helena Melikow, Julia Boxler, Ani Menua, Nelya Rakhimova, Anna Goykhen, Sean Tripkovski, Natalia Kunitskaya, Kris Gunciarz, Veronika Kruglova, Galina Ozeran aka Chikiss. Stefan Mölle, Nora Korte, Alexander Morozov, Ivona Dadai, Christoph Meißner, Alexey Paluyan, Svetlana Shaitanova, Wanja Kilber, Alexander Kondakov, Evgeniy Shtorn, Polina Zaslavskaya, Nina Ananina, Julia Strass, Victoria Sarganova, Badma Byrchiev, Tine Bruckmann, Moni Hoffmann, Igor Kot, Pavel Andreev, Olga Dryndova, Pavel Liber, Fabian Burkhardt, Volker Weichsel, Beril Ochakli, Florian Koppenrath, Saltanat Shoshonova, Yanina Akhh,‌ ‌Dinara Rasuleva,‌ ‌Darya Kolesova,‌ ‌Elvina Valieva,‌ ‌Darya Ma,‌ ‌Yulia Vilyanen,‌ ‌dj‌ ‌Yulav,‌ ‌dj‌ ‌Hotbitch, Zmicer Chartkou, Zhanna Gladko, Vladimir Gramovish, Alexander Komarov, Alexey Lunev, Angelina Mass, Marina Naprushkina, Alexey Naumchik, Ales‘ Pushkin, Roman Trotsyuk, Sergey Shabokhin, Yana Shostak, Yuri Shust, Victoria Lomasko.

Das Technikteam des Festivals, darunter Paul Schumacher (MEVO), Dmitry Limpert und Alexander Stoletov

Ein besonderer Dank an unsere Freiwilligen –ihr seid die Besten!
Nastya Chasovskikh, Rita Malina, Lena Pichugina, Maria Kirienko, Pasha Pushkarev, Kevin Arbinger, Anita Asisi,‌ ‌‌Anna Zaglyadnova,‌ ‌Julika‌ ‌Lingel,‌ ‌Katy Smith,‌ Valeria Kotova,‌ ‌Тyay ‌Melezhik,‌ ‌Olya Senkova,‌ ‌Darya Golovko,‌ ‌Nikolay Tatarko,‌ Anya Chupina-Meißner, ‌Anna Yudina,‌ ‌Anna Krivtsova,‌ ‌ Anna ‌Laletina,‌ ‌Victoria Kravtsova,‌ ‌Alexandra Neumann,‌ ‌Sofia Ocherednaya,‌ ‌‌Elina Evstegneyeva,‌ ‌‌Darya Kolesova,‌ ‌Anna Markevich,‌ ‌Sofia Komova,‌ ‌‌Sarah‌ ‌Claire‌ ‌Wray,‌ ‌Eugenia Damme,‌ ‌David Verzadze,‌ ‌Denis Esakov, Margarita Levitova, Liza Root, Katharina Langolf, Dasha Nazarova, Svetlana Schwald, Katherina Kraft, Katsiaryna Rysik, Mihaela Vochin, Darima Pivovarova, Sasha Pivovarova, Alexey Rodriguez, Evgeny Fedorovich, Anna Limantava, Anton Niadzelka, Evgenya Leonova, Alexander Rayskiy, Victoria Ramushkevich, Katya Rumyantseva, Olga Betu, Anya Levita, Anna Shkor, Anastasia Triller, Nikita Fedorenko, Valeria Losikova, Roman, Ruta, Klim Kovalev, Alena und alle wunderbaren Freiwilligen von RAZAM e.V., "Berliner Schwesternschaft" und alle, die wir aus irgendeinem Grund vergessen haben, in dieser langen Aufzählung zu nennen.
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